Ausprobiert: Castell Son Claret, Mallorca


Ich gebe es offen zu: Ich bin einer der „Mallorca-Bösewichte“, auf die die Nation in den vergangenen Wochen so geschimpft hat. Zumindest ein halber, denn mein Reiseanlass ist beruflich: Das Castell Son Claret, Mitglied der Leading Hotels of the World, hat vier neue Garden Suites, die es zu testen gilt. Und es könnte wohl kaum eine bessere Zimmerkategorie für einen Kurztrip in den mallorquinischen Frühling geben. Auf geht’s ins beschauliche Es Capdellà!

Ein Erlebnisbericht von LuxusInsider-Chefredakteurin Iris M. Köpke

Die Lage

Nicht ganz 40 Minuten fährt man vom Flughafen in Palma zum Castell Son Claret. Und lässt doch Welten hinter sich: Schicki-Micki, Touristengruppen, Souvenir-Shops – von alldem ist man hier weit entfernt. Stattdessen erlebt man urige Dörfchen, schmale Landstraßen und unzählige Mandelbäume auf hellgrünen Wildblumenwiesen. Und findet schließlich inmitten eines 132 Hektar großen, naturbelassenen Geländes beim Ort Es Capdellà ein unprätentiöses Luxushotel, in dem es nicht um Sehen und Gesehen werden geht, sondern vielmehr um Ankommen, Abschalten und Zeit mit seinen Lieben zu verbringen. Juckt einen dann doch das Verlangen nach ein bisschen Action, ist man ruck-zuck wieder in der Inselhauptstadt – etwa zu einem spontanen Lunch an der Hafenpromenade.

Die Zimmer

Rund die Hälfte der insgesamt 41 Zimmer des Hotels ist im Hauptgebäude und den renovierten Stallungen der ehemaligen Festung untergebracht. Diese Unterkünfte beherbergen schon seit der Eröffnung im Jahr 2013 Gäste. Der Stil verneigt sich vor der Historie des Ortes: Gemütliches Licht, dunkle Holzbalken, viel Holz und Leder. Gerade bei dem heutigen Dauerregen sehr kuschelig! Trotz der geringen Zimmeranzahl gibt es neun Zimmerkategorien – das Ergebnis des Gäste-Feedbacks: Diese möchten haargenau wissen, was sie erwartet. Und da in historischen Gebäuden nur selten ein Zimmer dem nächsten gleicht, kommuniziert man nun eben penibel genau. Zwei der Zimmer haben sogar jeweils ihre ganz eigene Kategorie. Das zweigeschossige Zimmer im charmanten Türmchen (Water Tower Duplex) sowie die Suite 116 (Terrace Demi Suite, Foto). Eigentlich eine nette, unspektakuläre Suite – wäre da nicht diese sensationelle Terrasse. Auf etwa fünf Metern Höhe erhebt sie sich direkt neben dem Hauptgebäude und bietet neben sagenhaften 90 Quadratmetern Platz einen fantastischen Ausblick über „Haus und Hof“ und die umliegende Natur.

Nun aber: Willkommen in meiner Garden Suite! Die neue Generation dieser Suiten-Kategorie wurde 2020 fertiggestellt und ist der jüngste Zuwachs – und der letzte: Mit dem kleinen Gebäudekomplex ist die erlaubte Gesamtbebauung der unter Naturschutz stehenden Fläche vollendet. Die Tür öffnet sich in einen großzügigen Wohnbereich mit Couch, Couchtisch und bodentiefer Rundum-Verglasung für freien Blick in den Hotelgarten. Den kann man auch von der privaten Terrasse aus bestens bewundern. Dahinter liegt das Schlafzimmer (auch vom Bett aus blickt man in den Garten), weiter geht es in das geräumige Badezimmer. Das Ganze ist top-modern eingerichtet, Scandinavian Clean Chic meets edle Farbwelten. Sand- und Cremetöne treffen auf kühles Aquamarin und hier und da einen Tupfer Cognac.

Im Bad gibt es ein Doppelwaschbecken, eine Dusche (mit einer wunderbaren Auf-Knopfdruck-Armatur) und eine separate Badewanne. Auch die Toilette ist abgetrennt, allerdings mit der derzeit üblichen Milchglastür-Variante, die nicht jeder Gast schätzt. Dafür gibt’s hier eine vernünftige Lösung: Es gibt zusätzlich eine stabile hölzerne Badezimmertür. Klapp – und schon ist alles geräusch- und geruchsneutral. All thumbs up!

Auch der mehr als großzügige Schrankstauraum dürfte bei Paaren jeglichen Urlaubsknatsch unterbinden – man kann sich kaum so sehr ausbreiten, dass man sich hier in die Quere kommt. Der Safe schluckt bereitwillig Laptop, Kamera und Preziosen, das schätzen auch Geschäftsreisende. Diese würden es vermutlich auch honorieren, wenn die Mini-Bar im Übernachtungspreis inkludiert wäre, wie es vielerorts im Trend liegt. Und die Lichtsteuerung ist ein echter Hotel-Klassiker: Im Grunde genommen geschieht jedes Mal eine Überraschung, wenn man einen der unzähligen Knöpfe drückt. Aber irgendwann ist es dann doch dunkel, und man kann von Mallorcas Schätzen träumen.

Die Kulinarik

Das Hauptrestaurant Olivera serviert Frühstück, Lunch und Dinner. Fangen wir doch gleich beim Frühstück an: Mit einem kleinen Spagat ist es dem Castell Son Claret gelungen, das Buffet-Konzept aufrecht zu erhalten. Müsli, Käse, Aufschnitt, Joghurt und Obstsalat stehen – zum Teil in einzelne Gläschen abgefüllt – in Glasauslagen. Der hungrige Gast bestellt beim behandschuhten Personal und bekommt alles auf einem kleinen Tablett gereicht. Klappt, aber „Das Auge isst mit“ wird dadurch natürlich erschwert. So sind zwar (die sensationellen!) Ensaimadas, Croissants und das Pain au Chocolat gleich vorn in Sichtweite angerichtet, die übrigen Brotsorten befinden sich jedoch hinter dem Durchgang für die Service-Mitarbeiter und können im schummrigen Licht beim besten Willen nicht erspäht werden. Also frage ich nach Toast. „Regulär oder Vollkorn?“ kommt es wie aus der Pistole geschossen zurück. Prima, es gibt also Toast! Weil sich hinter mir schon neue Gäste versammeln, wird mir bedeutet, dass ich schon mal zum Tisch gehen möge, der Toast würde gleich gebracht.

Obwohl sich irgendwann sogar ein zweiter Servicemitarbeiter der Sache annimmt, bleibt der Toast bis nach dem Ende meiner Mahlzeit verschollen – ebenso wie die Hälfte der bestellten Beigaben der frisch bestellten Eierspeise. Wen stört's: Ich kann seit Ewigkeiten wieder in einem Restaurant essen!!! Das allein ist schon ein kleines Highlight. Und die Regenwolken haben sich endlich verzogen, so dass ich auf der Terrasse speisen und den schönen Ausblick genießen kann. Hach! Dafür ist es zwar abends noch zu frisch, dennoch erobert das Olivera gerade jetzt mein Herz: Fröhlich, persönlich und serviceorientiert werde ich an beiden Abenden versorgt. Chefkoch Pep Forteza und sein Team laufen nun zur Höchstform auf: Cremig-zarter Burrata mit Trüffel-Hobeln, Hummer-Ceviche, knuspriges Spanferkel und der vermutlich beste Tomatensalat meines Lebens – ich kann jetzt vielleicht tagelang nichts mehr essen, aber das war es wert. Tipp: Raten Sie Ihren Kunden, sich vom Sommelier des Hauses etwas empfehlen zu lassen. Ein Erlebnis für sich: Erst fragt er einen sehr präzise Löcher in den Bauch, denkt dann theatralisch nach und präsentiert schließlich seine Vorschläge, zu denen er spannende Hintergründe erzählt. Eine tolle Einstimmung aufs Dinner!

Für Feinschmecker wird es ab dem 22. April noch spannender: Dann eröffnet das neue Gourmet-Restaurant Sa Clastra (in etwa: Der Innenhof). Entsprechend sollen die Gäste bei gutem Wetter im schnuckeligen Innenhof des Castells sitzen. Am Herd zaubern wird dann nach wie vor Küchenchef Jordi Cantó (Foto), der schon das mit zwei Michelin-Sternen bedachte Vorgänger-Restaurant Zaranda leitete. Im Sa Clastra will er Klassiker der mediterranen Küche neu interpretieren. Aufgrund der besonderen Situation wird der Gourmet-Tempel zunächst nur für Hotelgäste zugänglich sein.

Eine Explosion der Aromen kann man im Hotel übrigens auch in flüssiger Form genießen: Die Cocktails des Hauses sind nicht nur echte Hingucker, sie schmecken auch hervorragend. Tipp: Der Cocktail "Tramuntana" mit hausgemachtem Sirup lokaler Blumen ­– kräuterig-frisch und mit einer Art "Mini-Wiese" garniert!

Die Corona-Situation

Zunächst einmal ein Blick auf Mallorca selbst: Die Einreise mit PCR-Test und dem neuen digitalen Einreiseformular für die spanischen Gesundheitsbehörden flutscht problemlos, man ist im Nullkommanichts im Land. Und trotz der medialen Unkenrufe kann hier von Menschenmassen keine Rede sein. Selbst in Palma ist es sehr angenehm: Man fühlt sich nicht wie in einer Geisterstadt und kann dennoch völlig problemlos seinen Abstand einhalten. Geschäfte, einige Hotels und Außengastronomie haben geöffnet. Alle Flaneure tragen artig ihre Masken. Dass man an einem Samstagmittag in den deutschen Osterferien problemlos einen Parkplatz in der Parkgarage neben der Kathedrale und dann ohne Reservierung einen Tisch zum Lunch im schicken Mar de Nudos bekommt, darf man durchaus als kleinen Luxus verstehen. Und lässt man die Hauptstadt hinter sich, zerstreuen sich die Urlauber sofort.

Im Castell Son Claret beeinträchtigen die Corona-Regeln das Urlaubsvergnügen kaum: Zwar trägt jeder Mitarbeiter penibel seine Maske, doch das warmherzige Lächeln bleibt trotzdem keinem Gast verborgen. Auch das Spa kann genutzt werden: Jeder Gast kann die Wohlfühl-Räumlichkeiten für einen bestimmten Zeitraum reservieren, zwischendurch wird alles geschrubbt und desinfiziert. Individuelle Behandlungen finden wie gehabt statt. Ein „Do not disturb“- Zeichen in der Suite lässt sich allerdings besten Willen nicht finden – vermutlich musste es wie auch sämtliche andere Papier-Utensilien aus Hygiene-Gründen verbannt werden. (Kurzzeitig halte ich den rot leuchtenden Lichtschalter neben der Tür für die elektronische Variante, doch die freundliche Dame vom Turn-Down-Service lässt sich davon nicht aufhalten.). Die Bar (Foto) muss um 17 Uhr schließen, das Restaurant um 22 Uhr. Spätere Wünsche serviert der Roomservice.

Das Hotel macht sogar aus der Not eine Tugend und baut sein Service-Angebot aus: Gegen Aufpreis ist es möglich, den für die Rückreise nach Deutschland verpflichtenden Covid-Test direkt im Hotel zu machen, anstatt im Testzentrum am Airport ewig Schlange zu stehen. Für 125 Euro (PCR) bzw. 65 Euro (Antigen) wird man von drei jungen Damen der International Medical Services getestet. LuxusInsiders Tipp: 1. Unbedingt machen! 2. Den Kunden sagen, dass sie schon zehn Minuten vor dem offiziellen Termin an dem umfunktionierten Hotelzimmer warten sollen ­– denn alle Gäste bekommen den gleichen Termin genannt. 3. Geduld mitbringen: Die Damen sind kein Schweizer Uhrwerk. 4. Immer bewusst machen: Dies ist medizinisches Fachpersonal und kein hoteleigenes Service-Team. Man arbeitet schnell und effizient Regelwerke ab, Lächeln liegt hier nicht in der Berufs-DNA.

Das Spa

Das Spa Bellesa de Claret befindet sich im Untergeschoss des Hauptgebäudes. Hier ist die Wirkungsstätte von Emma. Die fröhliche Spa-Therapeutin scheint auf einer Mission zu sein: Obwohl ich mich aufgrund des Antigen-Tests (siehe oben) um eine saftige halbe Stunde verspäte und ihr anbiete, meine gebuchte Massage ausfallen zu lassen, findet Emma eine Lösung und bekommt mich trotz ihres nahenden Feierabends noch unter. Keine zehn Minuten später rückt sie meinen verspannten Schreibtischtäter-Schultern mit warmen Vulkansteinen und ganzem Körpereinsatz zuleibe. Mit Steinen, Fäusten und sogar Ellenbogen vertreibt sie energisch alles, was meiner Muskulatur Kummer bereiten könnte. Keine Pseudo-Streichelmassage, sondern the real thing. Nach 40 Minuten bin ich so beweglich wie zuletzt im Alter von 25 Jahren und zudem überzeugt davon, dass sich so schnell keine neue Verspannung in meinen Körper trauen wird.

Die Aktivitäten

Tief atme ich die würzige Frühjahrsluft ein. Es riecht nach Blumen, Kräutern und warm-feuchter Erde. Alltag, welcher Alltag? Auf den drei Spazierpfaden über das riesige naturbelassene Gelände des Castells zählen nur kleine, bunte Holzpflöcke. Sie markieren die Route: Die blaue Tour ist sechs Kilometer lang, die rote schlängelt sich fünf Kilometer durch die Natur. Auf ihr lockt zudem eine Abkürzung für alle, die nur für drei Kilometer Wandern oder Radfahren möchten. An manchen Stellen tragen die Pflöcke beide Farben, wenn die Wege eine Zeitlang die gleiche Richtung einschlagen.

Die Regenwolken haben sich verzogen, endlich kann ich Fotos im Sonnenlicht machen! Knorrige Olivenbäume, Feigenbäume, Mandelbäume und unzählige gelbe, weiße und violette Blüten lassen das Hobby-Fotografenherz höher schlagen. Vermutlich liegt es am häufigen Zücken der Kamera, dass ich plötzlich auf dem blauen Weg bin, obwohl ich eigentlich dem roten gefolgt bin. Nicht schlimm, er führt ja auch zurück zum Hotel. Zumindest, wenn man ihn nicht aus den Augen verliert… Hallo, Holzpflock! Wo steckst Du? Routiniert greife ich zu Google Maps, da höre ich in der Ferne ein regelmäßiges Plopp – Plopp – Plopp. Tennisspieler! Hatte das Hotel nicht auch Tennisplätze? Ich schlage mich immer den Geräuschen nach querfeldein und stehe im Handumdrehen auf der Landstraße und vor einem elektrischen Tor, das zur Rückseite des Castell-Geländes führt. Von hier sind auch die Tennisspieler deutlich zu hören. Ich klingle an der Video-Toranlage. Nichts passiert. Zweiter Versuch. Hm. Die kleine Mauer da rechts sieht nicht besonders hoch aus… Zwei Minuten später stehe ich grinsend und mit schmutziger Hose neben den Tennisplätzen. Soft Adventure at its best! Von hier aus kann ich meinen Gebäudekomplex mit den neuen Garden Suites schon sehen. Gerade als ich losmarschiere, schwingt hinter mir das Tor auf. Geduld war eben noch nie meine Stärke…

Fazit

Der Name des Königreichs Weit Weit Weg aus den Shrek-Animationsfilmen würde auch beim Castell Son Claret gut passen: So weit entfernt von den aktuellen Verrücktheiten der Welt fühlt man sich momentan wohl nur an wenigen Orten. Es ist beinahe so, als würde diese trutzige Burg all das von einem abschirmen, was man für eine Zeitlang einfach mal ausblenden möchte. Die neuen Garden Suiten sind toll, noch einen obendrauf setzen allerdings die todschicken Pool-Suiten von 2019. Wie so oft im Luxustourismus ist es aber die Software, die den eigentlichen Unterschied macht: Schon am zweiten Tag erkennen einen die Angestellten, beim zweiten Dinner gehört man praktisch schon zur Familie. Überdies ist bei jeder noch so kleinen Service-Leistung zu spüren, wie froh alle sind, wieder arbeiten zu können. Mallorca in den Osterferien ein Fehler? Ganz im Gegenteil: Nach nicht einmal 48 Stunden sind die Batterien wieder aufgeladen und das Infektionsrisiko ist nur ein Fünftel so hoch wie in der Heimat.

Kontakt für Reise-Profis: Anette Andersen, Director of Sales & Marketing Castell Son Claret