Ausprobiert: The Ritz-Carlton, Berlin


Alle wollen in die Natur, City-Trips sind bei Deutschland-Reisenden aktuell wenig nachgefragt ­– daran wird sich vermutlich auch nach dem aktuellen Lockdown nichts ändern. Böser Fehler! Gilt doch für Berlin das Gleiche, worüber wir uns bei Venedig und Dubrovnik so freuen: Endlich kann man die Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt mal ohne Horden von Touristen genießen. Kann das neue Pergamon-Panorama mit nur vier, fünf anderen Besuchern erleben, ohne Reservierung einen Tisch im Grill Royal bekommen und Fotos vorm Brandenburger Tor machen, auf denen man nicht in einer Traube asiatischer Besucher steckt. Bei so viel Tatendrang macht eine zentral gelegene Unterkunft Sinn: Höchste Zeit, einmal das Ritz-Carlton Berlin auszuprobieren, das vor knapp drei Jahren grundlegend renoviert wurde. Auf nach Berlin!

Ein Erlebnisbericht von LuxusInsider-Chefredakteurin Iris M. Köpke

Hinweis: Dieser Test erfolgte im Herbst 2020 vor dem zweiten Lockdown

Die Lage

Besser geht’s nicht: Sowohl Urlauber als auch Geschäftsreisende dürften die zentrale Lage am quirligen Potsdamer Platz sehr zu schätzen wissen. Die erste Sehenswürdigkeit Berlins liegt somit buchstäblich direkt vor der Tür, und das Ganze ist die Manifestation der „verkehrsgünstigen Lage“ mit allen erdenklichen Verkehrsmitteln. Dankenswerterweise hört man das nicht mehr, sobald man das Gebäude betritt – selbst Frischluftfanatiker können mit offenem Fenster schlafen, wenn dieses zur ruhigen Nebenstraße Am Park geht. Gäste, die mit dem eigenen Auto anreisen, können selbst große Modelle ganz easy in der Tiefgarage des Hauses unterstellen. Für Suitengäste ist das Parken sogar kostenlos. Wichtig zu wissen: Aufgrund von Corona-Schutzmaßnahmen ist ein Valet-Service aktuell leider nicht möglich. Ist aber gar nicht schlimm: Von der Tiefgarage führt ein Aufzug direkt in die Lobby (Foto).

Die Zimmer

Das Hotel verfügt über 303 Zimmer und Suiten. Ich bin in einem Deluxe-Zimmer untergebracht – mit 40 Quadratmetern gehört es zu den kleinsten Zimmern des Hauses und ist somit für ein City-Hotel geradezu unverschämt geräumig. Beim Betreten fällt mein Blick als erstes auf den geschwungenen Schreibtisch: Drei prallrote Äpfel und knusprige Apfelchips warten dort als Willkommensgruß, begleitet von einer Flasche Rotwein des Weinguts Rings aus der Pfalz, Abfüllung „Hauptstadtgewächs“. Noch keine zwei Minuten im Zimmer und schon das erste Mal geschmunzelt – Kür bestanden!

Die Zimmer sind überwiegend in edlen Cremefarben gestaltet, die je nach Zimmerkategorie mit Blau- oder Beerentönen kombiniert wurden (Foto: Corner Deluxe Suite). In meinem Fall sind das Kopfteil des Bettes sowie einige der tablettgroßen Paneele an der Wand dahinter brombeerfarben. Und ich muss meinen ganzen Willen aufbieten, um den Wunsch zu unterdrücken, die teils hölzernen und teils mit beerenfarbenem Stoff bespannten Wandpaneele nicht mal testweise zu verrücken… zu sehr erinnert das Ganze an ein gigantisches Kinderspiel, bei dem man Quadrate in die gewünschte Position schieben muss, um ein bestimmtes Muster zu kreieren.

Überall entdeckt man Art-Déco-Elemente im Innendesign, die an das Berlin der rauschenden 20er Jahre erinnern. Auch der Look der Kommode wurde von einem traditionellen Reisekoffer von anno dazumal inspiriert – von dem der Marlene Dietrich, wie man munkelt. Das Mobiliar ist sehr, sehr klassisch: Tut nicht weh, versetzt Design-Fans aber vermutlich auch nicht in Ekstase. Mit anderen Worten: Kompatibel mit so ziemlich jedem Luxusgast.

Nur das Badezimmer, das ist zumindest mit mir nicht kompatibel. So großartig es auch ist, dass selbst die Standardzimmer neben der Dusche auch über eine große separate Badewanne verfügen und so sehr ich den Gestalter auch dafür umarmen möchte, dass es noch Hotelduschen gibt, die nicht auslaufen: Der Look ist so gar nicht meins. Die Badezimmer, die noch hervorragend in Schuss sind, wurden bei der Renovierung nicht mit verändert.

Und so stehe ich jetzt in einem großzügigen Bad, das von der Decke bis zum Fußboden in orangefarbenen Marmor gekleidet ist. Diskutiere mit altmodischen Zweihebel-Mischern am Waschbecken meine gewünschte Wassertemperatur aus und suche lange nach der Steckdose für den Haartrockner. Da hat die 205 Quadratmeter große Präsidenten-Suite mehr Glück: Hier ist das riesige Badezimmer ganz in edlem Grau gehalten. Insgesamt merkt man, dass das Zimmerprodukt eher auf den amerikanischen Markt ausgerichtet ist – auch wenn natürlich im Zuge der Krise das Interesse des Hauses an Gästen aus Good Old Germany erwacht ist.

Die Kulinarik

Umgekehrt lieben Einheimische das Ritz-Carlton schon länger. Und zwar besonders die öffentlichen Bereiche. Kein Wunder: Das Hauptrestaurant Pots (Foto), dessen doppeldeutiger Name geschickt mit der Lage am Potsdamer Platz und dem englischen Wort für „Töpfe“ spielt, ist ein hervorragender Ort, um den Abend einzuleiten. Die Expertise und die lockere Art von Gastgeber und Sommelier Mathias Brandweiner stimmen einen inmitten kupferglänzender Deko perfekt auf das hippe Hauptstadtfeeling ein. Die schönsten Sitzplätze sind die gemütlichen halbkreisförmigen Booths, in die man sich herrlich reinkuscheln kann und dann nicht einmal mehr die anderen Tische sieht. So versteckt macht man sich dann auch nicht verdächtig, ein Influencer zu sein, nur weil man jeden Gang von allen Seiten fotografiert. Sorry, aber das sieht einfach alles sensationell angerichtet aus! Tipp: Es ist nicht ratsam, einen oder gar mehrere der geplanten Gänge neuer deutscher Küche zu überspringen – so groß sind die nämlich nicht.

Und gerade wer anschließend noch einen Abstecher in die angesagte Bar Fragrances plant, sollte unbedingt eine gute Unterlage geschaffen haben. Hier gibt es anstelle einer Barkarte die sogenannte Hall of Fame, in der sich die Gäste an verschiedenen Stationen ihr Lieblingsgetränk „erschnuppern“. Zwar ist es zunächst gar nicht so einfach, sich dort auf etwas anderes als das Interieur zu konzentrieren – zu stylish sind die Designermöbel, zu sehr möchte das Auge auf den ultracoolen Lampen und den üppig-roten Blumenarrangements verweilen – doch der Blick hinter die Theke ist es allemal wert: Hier wirbelt Barmanagerin und Mixologin Peggy Knuth.

Unter ihren geübten Händen entstehen ruck-zuck spannende Kreationen, die in mindestens ebenso ungewöhnlichen Gefäßen serviert werden. Wie genau meine Drinks heißen, habe ich schon wieder vergessen, zu sehr faszinieren mich die chinesische Teetasse, das Labor-Fläschchen mit Glas-Strohhalm, das venezianisch anmutende Longdrink-Glas und der Teelichthalter (?!), die sich vor mir auf dem Tisch versammeln und Aromen verströmen, die ich sicherlich nicht auf Anhieb mit einem Cocktail assoziiert hätte. Zum Wohl!

Am nächsten Morgen frage ich mich dann kurz, ob es noch an den Cocktails vom Vorabend liegt oder ob das gerade wirklich passiert: Während ich meine Ausbeute vom Frühstücksbuffet genieße, das ebenfalls im Pots gereicht wird, kommt ein anderer Gast herein. Geht an der Empfangsdame vorbei, nimmt – kaum dass er ihrem Blick entschwunden ist – seine Maske ab und marschiert fröhlich ins Restaurant. Oha, das gibt sicher Ärger! Weit gefehlt: Er wird freundlich vom Personal begrüßt, nach seinen Tischpräferenzen gefragt und zum Tisch seiner Wahl geleitet. Ja, die Tische stehen so weit auseinander, dass ich nicht einen Moment lang irgendwelche Befürchtungen hege – ein seltsames Gefühl aber bleibt. Unglücklicherweise nimmt ein anderer Herr das zum Anlass, von nun an nur noch mit der unters Kinn geschobenen Maske zum Buffet zu gehen. Seufz. Offenbar gibt es in Berlin die gleichen Deppen wie im heimischen Hamburg.

Der Service

Geschwungene Treppe im Eingangsbereich, klassisches Mobiliar und ein Name, der verpflichtet – und trotzdem kommt das Ritz-Carlton Berlin nicht altbacken daher. Ganz im Gegenteil: Man stößt hier allerorts auf eine junge DNA. Das gesamte Team vom Rezeptionisten bis zum Chef-Concierge sieht jünger aus als ich, und selbst Pots-Gastgeber Mathias Brandweiner ist erst Mitte 20.

Schon kurz nach Ankunft kann ich mich von der Service-Qualität des Hauses überzeugen: Thomas Munko, Chef-Concierge des Hauses und Deutschland-Chef der Hotelportier-Vereinigung Les Clefs d’Or (Sie wissen schon, die mit dem kleinen Anstecker aus goldenen Schlüsseln) zuckt nicht mal mit der Wimper, als ich ihn bitte, dass jemand den „Geruch nach Asia-Restaurant“ aus dem Kleiderschrank in meinem Zimmer entfernt. Und kaum bin ich von meiner kleinen Site Inspection zurück, riecht es herrlich nach – nichts.

Die Kellnerin in der Lounge (Foto), die wie viele ihrer Kolleginnen Jeans, T-Shirt und Sneaker trägt, duzt mich (was gerade bei einer Hamburgerin echte Heimatgefühle auslöst), Chef-Mixologin Peggy Knuth ist über und über tätowiert. Keine Spur von steifem Luxus, dabei mangelt es nicht einem einzigen der Mitarbeiter, denen ich begegne, an Professionalität. Nächstes Beispiel: Ich stehe für maximal 30 Sekunden in der Lobby, weil ich auf einen Geschäftskontakt warte, und werde sofort von mehreren Hotel-Angestellten freundlich angesprochen, ob sie vielleicht irgendetwas für mich tun können. Abends bemüht sich der freundliche junge Rezeptionist redlich herauszufinden, in welcher Zimmerkategorie ich eigentlich untergebracht bin – um 2 Uhr nachts, während ich weinselig lächelnd vor ihm stehe. (Mir fällt erst am nächsten Morgen auf, dass die Frage vermutlich etwas schräg wirkt, wenn man meinen professionellen Hintergrund nicht kennt.) Nur der Zutritt zum Pool und Wellness-Bereich ist während meines Aufenthalts leider nicht möglich, Corona sei „Dank“. Schade, das wäre eine nette Abrundung des Städtetrips gewesen. Aber da gibt’s ja noch die große Badewanne im Zimmer…

Fazit

Dem Ritz-Carlton Berlin gelingt ein spannender Balance-Akt: klassischen High-End-Luxus mit frischem Szene-Flair zu verbinden. Hier fühlen sich 50-jährige Business-Reisende mit ihren Geschäftspartnern ebenso wohl wie hippe Endzwanziger, die das Nachtleben der Hauptstadt unsicher machen wollen. Die Hardware ist hochwertig, aber unauffällig ­– sie tritt in den Hintergrund hinter dem engagierten jungen Team und den hippen, aber nicht peinlich flippigen F&B-Outlets. Die Tatsache, dass Suitengäste dieses Jahr flexible Zeiten bei Check-in und Check-out haben, dürfte weitere Herzen erobern. Der wichtigste USP ist und bleibt aber etwas, für das man kurz den Mitbewerber zitieren muss: Lage, Lage, Lage.

Kontakt für Reise-Profis: Stefanie Brückner, Market Director of Sales The Ritz-Carlton, Berlin