LuxusInsider im Gespräch

Steffen Boehnke, Airtours

2020 hat die gesamte Touristik kräftig durchgerüttelt, doch die Veranstalter wurden wirtschaftlich mit am härtesten getroffen. Wie Luxus-Pionier Airtours jetzt in die Zukunft blickt und wie das Verhältnis zu den Agenturen nach diesem schwierigen Jahr ist, verrät Markenleiter Steffen Boehnke im Interview.

LuxusInsider: Gefühlt konnte es niemand erwarten, das "Unglücksjahr" 2020 hinter sich zu bringen. Sehen Sie jetzt für die Touristik ein Licht am Ende des Tunnels oder hat sich im Grunde genommen nichts geändert?

Steffen Boehnke: Vieles hat sich verändert, allein schon durch den Impfstoff. Natürlich ist der Enthusiasmus durch die Verlängerung des Lockdowns etwas gedämpft, aber alle Studien zeigen nach wie vor, dass die Menschen reisen wollen. Auch die überfüllten Urlaubsorte beweisen die Sehnsucht nach Abwechslung vom Alltag. Und jetzt haben wir endlich einen konkreten Zeitplan: Laut Impfstrategie der Regierung gibt es im zweiten Quartal einen Impftermin für alle, die ihn wollen. Es ist also ein Ende absehbar. Somit schätze ich den Sommer 2021 jetzt deutlich positiver ein als noch vor ein paar Wochen.

LuxusInsider: Wird es den vielfach prognostizierten Nachholbedarf an Reisen denn wirklich geben?

Boehnke: Bei dieser Frage geht es um die wirtschaftliche Zukunft der gesamten Reisebranche. Denn anders als eine Ware, die man sich dann einfach ein bisschen später zulegt, kann man seinen verpassten Sommerurlaub von 2020 eben nicht einfach nachholen. Aber ja, es wird einen Nachholbedarf geben. Die Menschen mussten sich während der Krise stark einschränken ­und von heute auf morgen vieles in Kauf nehmen. Wir alle sehnen uns doch nach langen Spaziergängen und Sonnenuntergängen am Meer. In 2020 mussten wir auf all das größtenteils verzichten. Nun wollen wir wieder die Welt entdecken und Menschen begegnen. Das ist es, was uns alle antreibt ­– und der Wunsch danach ist gewaltig geworden. Wir sehen schon jetzt in den Destinationen, die bereisbar sind, dass die Menschen dorthin ihrem Alltag entfliehen.

LuxusInsider: Welche Destinationen werden Ihrer Meinung nach am meisten von der neu erwachten Reiselust profitieren?

Boehnke: Das werden zunächst die Destinationen sein, die geringe Fallzahlen, eine gute medizinische Versorgung vor Ort und einfache Einreisebedingungen haben. Auch die Reisewarnungen und das Flugangebot spielen hier eine wichtige Rolle. Im Endeffekt werden alle profitieren, manche früher und manche später. Und es werden vor allem die Hotels gewinnen, die viel Platz und Weite bieten ­– Natur ist noch einmal wichtiger geworden.

LuxusInsider: TUI stand über Monate stark in der Kritik aufgrund des Umgangs mit dem stationären Vertrieb in der Krise Stichwort Erreichbarkeit. Inwieweit hat dies auf das Verhältnis zwischen Airtours und den Airtours-Agenturen abgestrahlt?

Boehnke: Uns als Konzern hat mit dieser Pandemie eine Welle erwischt, deren Ausmaße vorher niemand gekannt hat. Wir waren aufgrund der Pandemie gezwungen, auf digitale Erreichbarkeit umzstellen. Natürlich sind Fehler gemacht worden, auch von mir. Doch wir haben zu jeder Zeit großen Wert auf Kommunikation gelegt und die Agenturen ab Mitte April aktiv zum persönlichen monatlichen Austausch eingeladen. So konnten wir viele Themen klären und ein gutes Verhältnis zu unseren Agenturen bewahren. Darüber hinaus haben wir Unterstützung für den Vertrieb geschaffen, etwa durch die Digitalisierung von Airtours & Friends. Die kostenlose Nutzung des Portals haben wir gerade bis Ende 2021 verlängert, damit die Reiseverkäufer auch in diesen Zeiten fit für den Verkauf bleiben.

LuxusInsider: Die digitale Version von Airtours Future im vergangenen November kam sehr gut bei den Teilnehmern an. Hat sich dieser Erfolg auch auf die Verkäufe der teilnehmenden Agenturen ausgewirkt?

Boehnke: Von November bis heute war es natürlich eine sehr schwierige Zeit, um Reisen zu verkaufen. Aber wenn Anfragen gekommen sind, dann in der Regel von unseren Top-Verkäufern, von denen viele an dem Digitalevent teilgenommen haben. Und jetzt sehen wir wieder einen ganz klassischen Buchungsverlauf: Der Dezember war ruhig, seit dem 1. Januar wird gebucht. Natürlich nicht auf dem üblichen Niveau, aber es werden jetzt Reisen für die Sommer- und Herbstferien gebucht ­– auch weil zur Zeit noch das Angebot gilt, bis 14 Tage vor Abreise kostenlos zu stornieren. Und diese Buchungen kommt ganz klar von unseren Top-Agenturen. Nachgefragt werden zur Zeit vor allem Griechenland, die Malediven und die Emirate.

LuxusInsider: Airtours hat seinen Vertrieb neu aufgestellt. Bitte skizzieren Sie die wichtigsten Neuerungen.

Boehnke: Dabei geht es um eine datenbasierte Unterstützung der Agenturen. Wir analysieren Aspekte wie Umsätze, lokales Umfeld und den Vergleich zu anderen Agenturen. Dadurch können wir Potenziale identifizieren und konkrete Handlungsempfehlungen aussprechen. Zudem möchten wir gern Impulse geben, bei der Umsetzung unterstützen und Best-Practice-Beispiele aufzeigen. Wir wollen jetzt mit den potentesten Agenturen loslegen – und das beschränkt sich nicht auf die umsatzstärksten!

LuxusInsider: Vor der Krise schossen neue Luxusreise-Veranstalter wie Pilze aus dem Boden. Entsprechend wichtig ist es, sich von den Mitbewerbern abzugrenzen. In a nutshell: Was macht Airtours noch einzigartig?

Boehnke: Selbst während der Krise sind ja neue Anbieter auf den Markt gekommen. Das ist erstmal gut fürs Segment, das sorgt für Aufmerksamkeit. Viele dieser Spezialisten setzen aufs Direktgeschäft, wir setzen ganz klar auf den Reisebüro-Vertrieb. Wir sind seit 54 Jahren am Markt und haben eine entsprechende Expertise. Rund 80 Einkäufer sind – zum Teil auch exklusiv für Airtours – rund um die Welt unterwegs, wir verfügen also über ein riesiges Netzwerk. Vor allem unsere Kontakte zu Hotels sind hervorragend: Airtours hat durch spezielle technische Anbindungen eine direkte Verfügbarkeit und die besten Raten am Markt. Zusätzlich bieten wir seit knapp vier Jahren die Flex-Garantie an, so dass das Reisebüro auch mit Online-Buchungsportalen mithalten kann. Das gilt jetzt ganz neu auch für Pauschalreisen mit Linienflügen. Und auch die Airtours Card als Instrument zur Kundenbindung ist einzigartig.

Das Gespräch führte Iris M. Köpke