So lief's im Home of Luxury!

Ein digitaler Branchentreff ­– kann das erfolgreich sein? Zumindest im Luxusbereich spürte man eine deutliche Zurückhaltung. Schade, denn es gab durchaus Highlights!

MEDIEN-KOOPERATION

In der Musikwelt spricht man von einem "Grower": Einem Song, der einem beim ersten Anhören nicht besonders gefällt, der aber mit jedem Mal ein bisschen wächst, bis man ihn schließlich mag. Ähnlich verhielt es sich mit der ITB Now: Nach technischen Startschwierigkeiten am ersten Tag der Online-Messe monierten viele Nutzer anfänglich vor allem die Komplexität des Systems. In der Tat muss man sich fragen, ob all diese Funktionen innerhalb der Plattform den Besuchern einen Mehrwert bringen – teils fühlte

man sich in die Anfänge des World Wide Web zurückversetzt, in denen viele Websites Funktionen anboten, weil es technisch möglich war – und nicht etwa, weil diese den Nutzer entscheidend weitergebracht hätte. Wir erinnern uns: Google erlangte die "digitale Weltherrschaft" mit einer fast komplett weißen Seite und einem Suchschlitz.

Was dann folgte, war ein Geflecht aus typischen Anlaufschwierigkeiten wie sie wohl jede technische Plattform erlebt: Zum kurzen Zusammenbruch des Systems gesellten sich firmeninterne Firewalls, schwache Internet-Verbindungen, veraltete Browser-Versionen und ungeduldige User. Meist schaffte ein einfacher Reload Abhilfe, aber das ist natürlich mitten in einem spannenden 15-Minuten-Meeting unsexy. Und so kam es, dass der erste Tag ein echter Gewinn war: für Zoom und Teams. Fast jeder Gesprächsparter schickte gleich zu Beginn des Video-Meetings einen entsprechenden Link mit der Bitte, doch die Plattform zu wechseln.

Aber – wir erinnern uns an den Grower – spätestens am Donnerstag blickte man bei meist tadellos funktionierenden Video-Meetings und Online-Diskussionen auf der ITB-Plattform in überwiegend entspannte Gesichter. Aus dem Luxussegment ließen sich allerdings in erster Linie Aussteller sehen (unsere Favoriten haben wir in den Top-Ausstellern gekürt), die vor allem eines monierten: dass sie die Anzahl der anwesenden Fachbesucher nirgends einsehen konnten. Was erwartungsgemäß auf große Gegenliebe stieß,

waren die im Vergleich zu einem regulären ITB-Stand natürlich deutlich günstigeren Preise. Auf viele Reiseberater traf das LuxusInsider-Team allerdings nicht. Schade, denn für das digitale Home of Luxury gab es ein liebevoll zusammengestelltes Programm – das allerdings erst kurz vor knapp veröffentlicht wurde und auch dann nicht besonders leicht aufzufinden war. Nun ja, bei solchen Großprojekten müssen eben alle Beteiligten erst Erfahrungen sammeln.

Doch zurück zum Programm: Morgens wurde Yoga im The Garden geboten, nachmittags wurden im The Kitchen leidenschaftliche Diskussionen geführt. Auch hier: Leider nur mit wenigen Teilnehmern, und selbst die bestanden hauptsächlich aus ITB-Mitarbeitern, Medienpartnern und Inhabern von PR-Agenturen und Hotel-Repräsentanzen. Das ist ausgesprochen bedauerlich, denn da waren echte Highlights dabei – etwa als Norbert Pokorny von Art of Travel mit Moderator Marc Aeberhard Thesen aufstellte, wie man die Zusammenarbeit von Anbietern und Vertrieb in der Zukunft ganz neu und gewinnbringender gestalten könnte.

FAZIT: Der Mehrwert so eines digitalen Luxusreise-Cafés muss deutlicher herausgestellt werden. Dazu gehört auch eine frühzeitige Kommunikation. Doch auch die Fachbesucher könnten beim Engagement ruhig noch eine Schippe drauf legen, und solchen Formaten eine Chance geben. Es tat nämlich wirklich gut, so viele Partner wiederzusehen, selbst wenn es nur auf einem Bildschirm ist!

Dem putzigen Branchengerücht, dass die ITB die Online-Version der Messe absichtlich so holprig gestaltet hat, um ihr eigentliches Geschäftsmodell nicht zu gefährden, erteilen wir hier ein klare Absage: So eine Investition tätigt niemand, nur um sie an die Wand zu fahren. Und die Plattform ist für künftige Hybrid-Events bereits fest eingeplant.

Davon abgesehen stimmen wir allen zu, mit denen wir an diesen vier Tagen gesprochen haben: Ja, eine Live-Messe mit echten Begegnungen, Umarmungen und Champagner wäre uns auch lieber. Aber solange das nicht geht, ist ein digitales Home of Luxury eben the next best thing – und allemal sinnvoller, als im Lockdown zu versauern.