Ausprobiert: Hanseatic Spirit


Aller guten Schiffe sind drei: Mit der Hanseatic Spirit hat Hapag-Lloyd Cruises das dritte der baugleichen Expeditionsschiffe getauft. Zuvor gab es zwei kurze Shakedown Cruises mit Reiseprofis. LuxusInsider war live dabei und hat festgestellt, dass es eben doch nicht immer auf die Größe ankommt.

Ein Erlebnisbericht von LuxusInsider-Chefredakteurin Iris M. Köpke

Der erste Eindruck

Routiniert biege ich auf den abgesperrten Parkplatz am Cruise Center Altona in Hamburg ein. Schon tausendmal gemacht, daher weiß ich, dass der Security Guard einen vorbeilässt (und man kein Parkticket kaufen muss), wenn man nur selbstbewusst genug auftritt. "Moin! Ich bin für das Schiffsevent hier." Lässig deute ich an seiner rechten Schulter vorbei, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt. Nur – da ist kein Schiff.

Das kommt jetzt unerwartet. "Ähm... wieso ist da kein Schiff?!" Jetzt bloß nicht ins Schlingern geraten! Ich recke den Kopf aus dem Autofenster. Und tatsächlich: Wo sonst schwimmenden Hochhäusern gleich die Kreuzfahrtschiffe hinter dem Terminal-Gebäude aufragen, luschert jetzt ganz verschämt lediglich ein Eckchen Schornstein hervor. "Doch! Schauen Sie, da ist ein Schiff! Es ist nur… winzig."

Offenbar hat der junge Mann genug von meinem Gefasel und winkt mich durch. Und ich bin jetzt erst recht gespannt auf die Hanseatic Spirit.

Das Design

Einen reibungslosen Schnelltest später (ja, auch für die geimpften Passagiere) dann der erste Blick auf das Innenleben des Bonsai-Schiffs. Und jetzt bitte nicht auslachen, aber: Schon der Treppenaufgang ist wunderschön. Ich bin nicht die Einzige, die das elegante Dunkelblau und das dezente Grau bewundert und dabei neugierig in etwas hineinfühlt, was man nur als eine Art beleuchtete Felsspalte beschreiben kann. Natürlich ist es kein echter Stein, aber besonders anstrengen muss sich die Fantasie nicht, um sich kleine Trolle tief in der bräunlich glänzenden Schaumstoffspalte vorzustellen.

Überhaupt begegnet einem das Thema Natur überall: Wie bei den beiden Schwesterschiffen zieht sie sich als Vorbild durch das Design, von den blätterdach-ähnlichen Decken im Hauptestaurant (Foto) bis hin zum türkisblau-weißen Antarktis-Look im Hanseatrium, wo auch gern mal ein digitaler Wal über den riesigen Screen an der Decke schwimmt. Der optische Unterschied zur Nature und zur Inspiration zeigt sich in erster Linie in der Farbgebung, die auf der Spirit vor allem in dunklen Blautönen gehalten ist.

Das Konzept

In Sachen Natur soll es nicht bei hübschen Hinguckern bleiben: Das gesamte Konzept des Schiffes ist darauf ausgelegt, die Umwelt so gut es geht zu schonen (Stichwort "Landstrom") und sie möglichst intensiv zu erleben ­– und zwar rund um den Globus. Dank des geringen Tiefgangs kann die Hanseatic Spirit im Amazonas schwimmen; die höchste Eisklasse PC6 macht Touren durch Arktis und Antarktis möglich. Da ist man dann ganz nah dran an der knirschenden und knackenden Eisdecke: Wie bei den Schwesterschiffen gibt es rund um den Bug einen kleinen Rundweg, der bis direkt an die Reling reicht. Nur dass er hier natürlich – Überraschung! – "Spirit Walk" heißt. Macht schon auf der Elbe Spaß! Und dann kommt ein Gänsehautmoment: Beim Auslaufen aus dem Hamburger Hafen fährt plötzlich die Hanseatic Inspiration vorbei und es geht in Kolonne den Fluss runter. An Bord flattert ein selbstgemaltes "Welcome SPI"-Banner. Mit Herzchen! Hach.

Die Kabinen

Schnell buchen. Am besten vorgestern! Das ist meine Empfehlung zur Hanseatic Spirit. Denn von den insgesamt 120 Kabinen sind gerade mal 14 Junior Suiten (Foto) und vier Grand Suiten. Ein höchst knappes Gut! Und, um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Die Standard-Kabinen sind mit 22 Quadratmetern nicht riesig. Insbesondere die Duschkabine: Wie da ein Mann mit breiten Schultern bequem duschen soll, bleibt mir ein Rätsel. Gerade Gäste, die vielleicht das Luxuslevel der Europa oder Europa 2 gewohnt sind, könnten hier überrumpelt werden. Dafür gibt es natürlich einen guten Grund: Nur weil die Hanseatic Spirit so klein und wendig ist, kann sie so viele Destinationen anlaufen – und darum geht es schließlich bei einer Expeditionsreise. Dennoch: Hier ist eine klare Kommunikation zum Kunden noch wichtiger als sonst. Gilt übrigens auch für die gesamte Reiseplanung: Während die Nature und die Inspiration spezielle Programme für Kids und Teens aufgelegt haben, ist die Spirit ein reines Adults-Only-Schiff. Mitschippern erst ab 18!

Noch etwas wäre zu den Suiten-Kategorien zu bemerken: Ja, die vier Grand Suiten stellen natürlich die exklusivste und mit 71 Quadratmetern auch die größte Kategorie an Bord der Hanseatic Spirit dar. Aber: Farblich schicker und von der Raumaufteilung her attraktiver finde ich (und diverse andere Passagiere der Shakedown Cruise) dennoch die Junior Suiten. Die blau-grüne Farbgebung mit silbrigen Akzenten schmeichelt meinem Auge deutlich mehr als die gülden-lilafarbenen Hingucker in den Grand Suiten.

Den Butler-Service gibt es in beiden, zudem haben Suiten-Gäste im Bad die Wahl zwischen den Hapag-Lloyd-Eigenprodukten und Beauty-Amenities der Marke Vinoble. Gerade auf längeren Reisen nicht zu unterschätzen, denn soooo gut duftet das bordeigene Duschgel "Meeresfenchel" nicht… Wer allerdings nicht auf den Luxus verzichten möchte, von einer freistehenden Badewanne aus aufs Meer zu schauen, muss auf jeden Fall die Grand Suite buchen – Lila hin oder her.

Die Kulinarik

Wie immer bei Hapag-Lloyd Cruises beginnt schon das Beziehen der Kabine mit einem kulinarischen Gruß. Kaum bin ich in meinen eigenen vier Wänden, reicht man mir (zusätzlich zur Champagner-Flasche auf Eis) ein Gläschen kühle Bubbles. Auf dem Couchtisch steht ein verlockendes Sammelsurium an Snacks: Kekse, Nüsse, Lachs-Canapees, Kaviar-Häppchen und etwas, was auf den ersten Blick aussieht wie Lollys, sich bei näherem Hinsehen aber als Macarons entpuppt. Wow! Bei dem verheißungsvollen Auftakt sind die Erwartungen an die Mahlzeiten an Bord natürlich hoch. Aber irgendwie ist bei mir der Wurm drin – oder der Koch hat eine ganz, ganz heiße neue Flamme. Und damit meine ich nicht die am Gasherd: Der Kartoffelschaum im Hauptrestaurant Hanseatic ist noch ungewöhnlich salzig, das Risotto schon grenzwertig und die Beilagen-Mac&Cheese beim mittäglichen BBQ an Deck schlichtweg versalzen. Ob das vielleicht an mir liegt? Nein, mein Tischnachbar greift auch entsetzt nach seinem Wasserglas. Das französische Spezialitätenrestaurant L'esprit (Foto) bleibt auf dieser Reise leider geschlossen, und so ist es zumindest auf der Shakedown Cruise ein bisschen Glückssache, ob man die Pforte zum Gourmethimmel aufstößt. Aber dafür gibt es schließlich diese Übungsfahrten, damit sich alles zurechtruckeln kann.

Der Service

Hier bedarf es nicht vieler Worte: Der Service ist schlicht und ergreifend zum Niederknien. Von der ersten bis zur letzten Sekunde an Bord wird Hapag-Lloyd Cruises nicht nur ihrem herausragenden Ruf gerecht, sondern übertrifft tagtäglich meine Erwartungen. Das überwiegend junge Personal ist nicht nur pfiffig, schnell und aufmerksam, sondern dabei auch noch ausgesprochen locker und sympathisch. So geht Luxus heute!

Ein winziger "Glitch in der Matrix" passiert dann doch: Als ich triefnass unter der Dusche den Conditioner suche, ist da – nichts. Das gibt's doch nicht… bestimmt übersehe ich etwas. So ein Standardprodukt wie Haarspülung gibt es doch mittlerweile in jedem Drei-Sterne-Hotel! Nope: Es gibt nur Duschgel, Shampoo und Bodylotion in besagt abenteuerlicher Duftnote. Erst auf Nachfrage erfahre ich, dass man sich selbstverständlich alles Gewünschte auf die Kabine bringen lassen kann. Nur der Hinweiszettel darauf fehlte auf der Shakedown Cruise. Dann eben heute mit strohigen Haaren zum Dinner – auf Expeditionen muss man seine Komfortzone schließlich auch mal verlassen!

Die Aktivitäten

Sie sind das Herzstück einer Expeditionskreuzfahrt, ohne sie nützt der schönste Luxus nichts: die Erlebnisse in und mit der Natur. Das weiß natürlich auch Hapag-Lloyd Cruises, die ja schon mit der Bremen auf langjährige Expeditionserfahrung zurückblicken können. Entsprechend gut sind die Hanseatic Spirit und ihre Ausflugsmöglichkeiten auf die Motive der Gäste ausgelegt: Es geht darum, für sich selbst Neues zu entdecken und mittendrin im Abenteuer zu sein. Angeboten werden daher in erster Linie sportlich orientierte Ausflüge; dieses Portfolio soll noch erweitert werden. Dafür stehen unter anderem 17 Zodiacs, eine Marina und diverse See-Kayaks zur Verfügung. Auch die Kabinenausstattung mit Swarovski-Ferngläsern, dünnen Zodiac-Rettungswesten und Flip-Flops spricht dafür, dass es in jegliche Gefilde dieser Welt geht.

Bei der Rückkehr auf das Schiff können gesammelte Proben in der Ocean Academy (Foto) untersucht und besprochen werden. In diesem schicken Hightech-Klassenzimmer stehen Mikroskope ebenso bereit wie auskunftsfreudige Marineexperten – für die Shakedown Cruise hat die entzückende Biologin sogar extra eine tote Spinne aus dem Cruise Terminal geholt, damit wir etwas zu sehen bekommen…

Die Ocean Academy ist 24 Stunden täglich geöffnet. Aus gutem Grund: Nach Angaben des Teams findet man hier gerade in Regionen, in denen es nachts nicht dunkel wird, auch zu Unzeiten Gäste, die sich an der Video Wall und den Sesseln mit Touchscreens weiterbilden. Wertvollen Input gibt's auch allabendlich im Hanseatrium: Hier treffen sich die Passagiere, um mit den Guides und Lektoren das Erlebte zu diskutieren und die Planung für den nächsten Tag zu besprechen. Nettes Gimmick: Die Beleuchtung kann farblich an das jeweilige Zielgebiet angepasst werden.

Fazit

Das erklärte Ziel, mit den drei Schiffen der neuen Expeditionsklasse weitere Zielgruppen für das Segment der Expeditionskreuzfahrten zu gewinnen, dürfte Hapag-Lloyd Cruises problemlos erreichen – das Luxuslevel der Hanseatic Spirit und ihrer Schwestern liegt deutlich über dem Niveau der meisten anderen Schiffe in dieser Nische. Dennoch sollten sowohl das Unternehmen als auch die Reiseberater extrem sauber kommunizieren: Die Hanseatic Spirit ist ein luxuriöses Expeditionsschiff, kein Luxus-Kreuzfahrtschiff, das in entlegenen Regionen rumschippert. Bestimmte Abstriche muss man machen (Stichwort "Platz"), damit das Schiff seinen ureigenen Zweck erfüllen kann. Gerade wer die Europa 2 kennt, muss aktiv den Hebel im Kopf umlegen, um die beiden Schiffe nicht ständig zu vergleichen. Wem das gelingt, der erlebt ein ausgesprochen schickes Bonsai-Schiff mit kurzen Wegen und einer "menschlichen Software", wie sie besser kaum sein könnte.

Kontakt für Reiseprofis: Carsten Sühring, Leitung Vertrieb Hapag-Lloyd Cruises