Middle East – ITB-Analyse
Totentanz in Halle 4.2, der menschenleere Israel-Stand gleich ganz abgesperrt und überall kürzere Warteschlangen, als wir das von der ITB kennen – die Eskalation in Nahost trifft die Reisebranche bis ins Mark. Und beim alljährlichen Familientreffen in Berlin schmerzt das Ausmaß schon beim Hingucken. LuxusInsider hat mit Veranstaltern, Leistungsträgern, DMCs und Reisebüros gesprochen, die uns rund um die Messe begegnet sind. Von unsinnigen Mexiko-Stornierungen bis zu routinierten Dubai-Evakuierungen – hier ist das aktuelle Stimmungsbild.
Status Quo: Am 28. Februar eskalierten die Spannungen in Nahost – Israel und die USA griffen Iran an. Seitdem ist die gesamte Region betroffen, auch durch Luftraum-Schließungen – darunter wichtige Drehkreuze und Reisedestinationen wie Dubai, Abu Dhabi, Qatar und das Newcomer-Ziel Saudi-Arabien. Dubai und Abu Dhabi haben angekündigt, den festsitzenden Reisenden und betroffenen Hoteliers die Kosten für die zusätzlichen, unfreiwilligen Übernachtungen zu bezahlen. Qatar geht noch einen Schritt weiter und übernimmt auch die Vollpension.

Philip Eichkorn
Silent Sands
"Die Reisen unserer Gäste, die bereits im Oman sind, werden ganz normal durchgeführt – es gibt keine Einschränkungen im Land. Das Feedback der Gäste ist deshalb überwiegend positiv. Der Airport in Muscat ist weiterhin geöffnet, die Kunden verhalten sich insgesamt ruhig. Fast schon erschreckend, wie resilient viele Menschen inzwischen sind!
Anfragen nach Stornierungen halten sich derzeit noch in Grenzen. Unsere Hotelpartner zeigen große Flexibilität und kommunizieren teilweise schon, dass im Zweifel bis kurz vor Anreise noch storniert oder umgebucht werden kann. Diese Informationen geben wir an die Veranstalter weiter, damit sie gegenüber ihren Kunden möglichst flexibel reagieren können. Wir empfehlen den Gästen in vielen Fällen, ihre Reise eher zu verschieben, statt sofort zu stornieren.
Oman wird derzeit als eine Art sicherer Hafen wahrgenommen. Wir erhalten sehr viele Anfragen von Veranstaltern – auch von solchen, mit denen wir normalerweise gar nicht zusammenarbeiten –, weil ihre Kunden in den Vereinigten Arabischen Emiraten festsitzen oder sich unsicher fühlen, etwa weil sie Raketen, Explosionen oder Brände gesehen haben. In den letzten zwei Tagen haben wir zahlreiche Gäste von Veranstaltern übernommen und aus den Emiraten abgeholt. Wir haben inzwischen eine Art Shuttle organisiert, bei dem unsere eigenen Fahrzeuge zwischen Abu Dhabi, Dubai und Oman pendeln. Parallel versuchen wir, die Gäste irgendwo unterzubringen. Einige möchten sogar bei uns im Wüstencamp übernachten, möglichst weit weg von allem."
Foto: LuxusInsider

Sina Hahnefeld
Traveldesign by Sina
"Wie die Lage ist? Im Moment ist wirklich alles dabei. Ich habe zum Beispiel einen sehr aufgeregten Kunden, der seine geplante Reise nach Mexiko (!) für Juni bereits storniert hat. Ich diskutiere in solchen Fällen auch gar nicht mehr mit den Kunden. Gleichzeitig hatte ich am Sonntagmorgen um 8 Uhr einen Kunden am Telefon, der für Sonntag eine TUI-Cruises-Reise gebucht hatte und weder per WhatsApp noch per E-Mail eine Information darüber bekommen hatte, was nun mit seiner Reise passiert. Außerdem erreichen mich Anfragen für Reisen im Oktober oder in den Osterferien – dabei geht es meistens um Umbuchungen auf andere Ziele, weniger um komplette Stornierungen. Klar ist aber: Aktuell möchte kaum jemand nach Dubai oder Abu Dhabi reisen.
Für uns bedeutet das vor allem sehr viel Betreuung. Ich habe heute schon zig E-Mails beantwortet, Umbuchungskonditionen erklärt und auf mögliche kostenlose Stornierungen hingewiesen. Übrigens: Kunden, die unbedingt umbuchen oder stornieren wollen, möchten aber trotzdem nicht dafür bezahlen. Wenn so ein Fall eintritt, warten wir zunächst ab, ob nicht vielleicht doch eine offizielle Absage der Reise vom Veranstalter kommt.
Was die Informationen betrifft, bekomme ich von Dertour tatsächlich sehr viel. Dort läuft das Krisenmanagement aus meiner Sicht wirklich hervorragend. Ich erhalte ständig Updates per E-Mail zum aktuellen Stand. Von den Fluggesellschaften und anderen Veranstaltern kommen dagegen teilweise deutlich weniger Informationen."
Foto: privat

Christian Böll
Windrose
"Wir haben proaktiv alle Gäste kontaktiert, deren Reisen in den nächsten Wochen stattfinden sollen. Jeder Fall wird dabei einzeln durchgegangen. Einige möchten ihre Reise auf einen späteren Zeitpunkt umbuchen – vor allem bei kurzfristigen Abreisen kommt das häufiger vor. Panik erleben wir bei den Kunden aber nicht.
Besonders betroffen sind Gäste, die sich bereits in der Destination befinden oder über Dubai reisen wollten. Für sie organisieren wir derzeit neue Flüge und alternative Routen. Das bedeutet zusätzlichen Aufwand, aber solche Situationen sind für uns nicht neu. Was wir momentan spüren, ist viel Kulanz von unseren Airline- und Hotelpartnern. Natürlich hängt vieles davon ab, wie lange die Situation anhält und welche Auswirkungen sie noch haben wird. Deshalb stimmen wir uns derzeit intensiv im Team ab, sprechen über die aktuelle Lage, über rechtliche Aspekte und über mögliche Entwicklungen. Diese Einschätzungen teilen wir auch offen mit unseren Gästen.
Wenn ein Gast stornieren möchte, kann man ihn letztlich auch nicht davon abhalten. Gerade bei Reisen, die noch weiter in der Zukunft liegen, raten wir aber eher dazu, die Entwicklung erst einmal abzuwarten. Im Moment kann niemand eine genaue Prognose abgeben. Deshalb geht es vor allem darum, Ruhe zu bewahren und im Dialog zu bleiben. Für Gäste, die erst später reisen, besteht derzeit auch kein unmittelbarer Zeitdruck, sofort zu stornieren, denn die Stornokosten bleiben in den nächsten Wochen tendenziell gleich."
Foto: CHL PhotoDesign/CH.Lietzmann

Isabel Grosse
Renner & Grosse Collection
"Wir wollen die aktuelle Lage keineswegs beschönigen, aber den teils dramatischen Meldungen in Deutschland die Realität vor Ort gegenüberstellen. Zwar gibt es noch keine offiziellen Statements der Hotels, doch die Regierung in Dubai hat bereits weitreichende Unterstützung bei unfreiwillig verlängerten Aufenthalten zugesichert. In den von uns auf dem DACH-Markt vertretenen Häusern Delano Dubai, Banyan Tree Dubai und Nikki Beach Resort & Spa Dubai ist man erfolgreich um größtmögliche Normalität bemüht, auch wenn natürlich nicht alles ist wie immer. Die Gäste nutzen weiterhin den Strand und das Aktivitätenangebot, flankiert von entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen.
Wer länger bleibt, sucht oft mehr Freiraum: Im Nikki Beach Resort etwa wird gezielt nach Villen-Upgrades gefragt. Insgesamt präsentiert sich die Situation in den Resorts aktuell sehr gefasst und geordnet."
Foto: Renner & Grosse Collection

Silvio Rebmann
Cube Travel
"Stornierungen sehen wir derzeit vor allem im sehr kurzfristigen Geschäft – also bei den Gästen, die eigentlich bereits hätten abfliegen sollen. Diese Reisen finden aktuell nicht statt. Mittel- oder langfristige Stornierungen beobachten wir im Moment noch nicht. Ich glaube, wenn wir das Thema bis Ende der Woche hinter uns haben und die Airlines im Mittleren Osten wieder regulär operieren, dann sind wir insgesamt noch mit einem blauen Auge davongekommen.
Sollte sich die Situation allerdings bis in die nächste Woche (Anm. d. Red.: Gemeint ist die zweite Märzwoche) ziehen, befürchte ich, dass wir die ersten Stornierungen für die Osterzeit sehen werden. Das Problem ist ja, dass es nicht nur den Mittleren Osten betrifft. Auch Südostasien, der Indische Ozean und Teile des südlichen Afrikas sind davon betroffen. Das wird dann langsam unschön für Ostern. Zumindest ist das meine Befürchtung."
Foto: LuxusInsider

Steve Odell
RSSC & Oceania Cruises
"Nicht viele unserer Schiffe sind in dieser Region im Einsatz, daher waren die Auswirkungen für uns begrenzt. Betroffen waren vor allem Kunden, die zu Kreuzfahrten in Asien, Australien oder Neuseeland geflogen sind, sowie diejenigen, die Europa zu erreichen wollten Glücklicherweise haben wir gerade keine Hauptreisezeit, denn unsere Europa-Saison beginnt erst im April.
Wir haben schon seit einer Weile keine Schiffe mehr für Middle East eingeplant, denn die Spannungen sind ja schon länger bekannt. Stattdessen haben wir Süd- und Westafrika genutzt und unsere Schiffe über den Pazifik zurück nach Nordamerika geschickt. Dank dieser Routenplanung waren die Folgen für uns minimal. Die Situation zeigt den großen Vorteil der Kreuzfahrt-Branche, die immer flexibel reagieren kann. Man kann nicht verändern, wo ein Hotel steht, aber man kann die Route einer Kreuzfahrt anpassen."
Foto: LuxusInsider
+ + + Bei Ausbruch der Angriffe live vor Ort + + +

Foto: LuxusInsider
Dirk Gowin
Select Luxury Travel
"Eigentlich habe ich zunächst gar nichts von der Situation mitbekommen. Ich bin in der Woche vor Beginn des Konflikts mit Lufthansa von Frankfurt über Riad weiter nach Dammam geflogen. Zwischen Zypern, Israel und Palästina mussten wir uns aber plötzlich anschnallen, das Kabinenlicht wurde ausgeschaltet, die Sonnenblenden mussten geschlossen werden und die Toiletten durften etwa 50 Minuten lang nicht benutzt werden. Der Pilot erklärte lediglich, dass wir aufgrund neuer internationaler Regelungen eine andere Flughöhe einnehmen müssten – über 15.000 Fuß. Weitere Begründungen gab es nicht. Natürlich dachte man sich kurz, dass wir uns irgendwo im Krisengebiet befinden...
Am darauffolgenden Donnerstag war ich wegen der Pilgerzeit bei dem großen Freitagsgebet in Medina und dadurch sehr beschäftigt. Ich hatte kaum Zeit, Nachrichten zu verfolgen. Am Freitagabend erhielt ich dann die unerwartete Mitteilung, dass mein Rückflug gestrichen sei – ohne weitere Erklärung. Die Information kam über die App beziehungsweise per SMS, mit dem Hinweis, dass der Flug in dieser Form nicht stattfinden könne und man sich wieder melden würde. Dieser Rückflug war eigentlich für den Samstag geplant.
Ich habe natürlich zunächst versucht, über unser Büro in Berlin umzubuchen, aber das war nicht möglich. In Jeddah habe ich schließlich am Samstag spät abends noch einen Platz auf einer Eurowings-Maschine bekommen. Auch dieser Flug war stark verspätet – ebenfalls ohne konkrete Erklärung. Endlich in Berlin angekommen, traf ich zufällig unsere Agentur-Partnerin am Gepäckband und sie fragte mich, wo ich herkomme. Als ich Saudi-Arabien erwähnte, fragte sie mich, ob ich überhaupt wisse, was passiert sei. Erst da wurde mir klar, dass ein Krieg ausgebrochen war.
Erst später am Samstagabend kamen die ersten besorgten Nachfragen von Kunden. Am Sonntag konnten wir noch Lösungen über Singapore Airlines finden. Der eigentlich schwierige Tag war dann der Montag. Da gingen sehr viele Stornierungen ein, etwa für Reisen nach Ägypten. Da es keine offizielle Reisewarnung gibt, müssen wir in solchen Fällen allerdings die regulären Stornobedingungen anwenden – teilweise bis zu 95 Prozent. Die Gäste haben grundsätzlich die Möglichkeit zu reisen oder den Termin zu verschieben, möchten aber häufig lieber ein anderes Ziel wählen. Interessanterweise sind manche Gäste sogar bereit, hohe Stornogebühren zu zahlen – nur, um nicht reisen zu müssen. Die Verunsicherung ist groß, auch weil niemand weiß, wie lange die Situation anhält. Für uns als Veranstalter ist das eine Herausforderung. Wir haben in den vergangenen Jahren viel in Marketing investiert, um die Region zu pushen, und die Buchungszahlen waren entsprechend gut. Natürlich haben wir auch viele andere Zielgebiete im Programm, trotzdem betrifft uns die Situation – vor allem wegen der wichtigen Flugverbindungen über Drehkreuze wie Dubai und Doha, über die viele Gäste weiterreisen. Wenn dort Einschränkungen auftreten, schafft das große Probleme."

Julia Zabel
Lux Voyages
"Wir haben aktuell ein paar Kunden in Dubai – die kann man aber an einer Hand abzählen. Wir haben direkt alle angerufen. Wann sie ausgeflogen werden können, ist noch offen, aber sie werden natürlich von der Reiseleitung und vom Veranstalter betreut. Jetzt stehen die Osterreisen vor der Tür – auch mit Zielen in der Region. Viele Kunden überlegen nun, ihre Reisen abzusagen, weil sie nicht wissen, wie sich die Lage entwickelt.
Im Moment begleiten wir unsere Kunden intensiv und versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Wir buchen Reisen um, wenn Kunden darauf bestehen – manchmal auch präventiv, obwohl dafür zusätzliche Kosten entstehen können. Es gibt aber auch Möglichkeiten zur kostenfreien Umbuchung bei uns, weil unsere Konditionen relativ flexibel sind. Für Abreisen bis Mitte März geht das meist problemlos. Alles, was danach liegt, muss entweder abgewartet werden oder ist mit Kosten verbunden. Viele Kunden sind aber durchaus bereit, dafür zu bezahlen, nicht in ein paar Wochen irgendwo zu sein, wo die Lage ungewiss ist. Ich denke, diese Woche wird zeigen, in welche Richtung es geht – ob das nur ein kurzes Inferno bleibt oder ob sich die Situation jetzt über eine längere Zeit hinzieht."
Foto: LuxusInsider

Steffen Boehnke
Airtours
"Seit Kriegsbeginn beobachten wir die Entwicklung sehr genau und helfen den Kunden bestmöglich. Wir haben Repräsentanzen vor Ort und unsere Hotlines entsprechend aufgestockt, sodass wir jederzeit erreichbar sind. Viel aktiv steuern können wir allerdings im Moment nicht. Im Grunde sehen wir drei Gruppen von Kunden: Reisende, die in die Emirate oder darüber hinaus reisen wollten. Dort geht aktuell wenig. Wir konnten einige Umbuchungen vornehmen, aber das ist natürlich begrenzt, weil das gerade alle tun.
Gleichzeitig sehen wir aber, dass viele Kunden weiterhin verreisen möchten. Sie orientieren sich dann eher Richtung Europa oder – wenn es warm sein soll – Richtung Kanaren oder Karibik. Die zweite Gruppe sind Kunden, die sich bereits vor Ort in den betroffenen Ländern befinden und wegen des fehlenden Flugverkehrs aktuell nicht abreisen können. Die dritte Gruppe umfasst unsere Fernziele, also Afrika, Asien und Australien, denn der Luftraum rund um die Drehkreuze im Orient ist stark betroffen. Die Frage ist natürlich, ab wann es für uns als Veranstalter kritisch wird. Der Nahe Osten ist für uns – gerade im Luxusbereich – nur ein kleiner Teil des Gesamtgeschäfts."
Foto: LuxusInsider

Michael Henssler
Centara Hotels & Resorts
"Für uns ist die Situation natürlich schwierig, gerade in der Nebensaison. Wir haben zwei Hotels in der Region – eines in Doha und eines in Dubai. Das Haus in Doha funktioniert stärker im Residential-Bereich, also mit Long-Stay- und Extended-Stay-Gästen. Stärker spüren wir die Auswirkungen in Dubai. Die Stornierungen sind massiv. Das tut weh und wird auch noch weiter wehtun. Im Moment wird es noch etwas dadurch abgefedert, dass Gäste vor Ort sind, die aktuell nicht abreisen können.
Gerade sehen wir allerdings auch, dass sich das Geschäft aus Dubai – vor allem aus Russland und aus dem osteuropäischen Markt – nach Asien verlagert. Was wir auf der einen Seite verlieren, gewinnen wir also vielleicht auf der anderen hinzu. In der Branche wird gemunkelt, dass sich das Geschäft in drei Monaten möglicherweise stärker in Richtung Türkei verschieben könnte, wenn der Konflikt weiter anhält. Außerdem gibt es Gespräche mit Veranstaltern über Charterflüge direkt auf die Malediven, aber das ist alles noch sehr frisch. Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass es mit Sicherheit einige Monate dauern wird, bis sich die Lage wieder einigermaßen normalisiert hat."