Branchenblick

IC-Riese rüttelt am Reisebüro-Modell

In anderen Ländern ist das Arbeiten mit Independent Contractors (ICs) im Reiseverkauf gang und gäbe, im DACH-Raum bildet es immer noch die Ausnahme. Der Vorstoß des US-Agenturgiganten Fora nach Europa könnte nun Schwung in die Sache bringen: Das erst im Juli 2026 als Unicorn bewertete Unternehmen hat jetzt den Schritt nach UK gewagt, um dort aktiv Reiseberater anzuwerben – und hat mit seinem fortschrittlichen Konzept viel Potenzial, um Talent abzugreifen. Höchste Zeit, sich mal umzuhören, wie ICs und Host Agencies im deutschsprachigen Raum diese Form der Zusammenarbeit bewerten.


von Iris M. Köpke

Erst mal ein kleiner Schritt zurück für alle, die sich noch nicht intensiv mit dem Thema auseinander gesetzt haben: Ein IC ist quasi ein freier Mitarbeiter im Reisebüro, der selbstständig Reisen an seine eigenen Kunden verkauft und dafür die Infrastruktur und die Benefits des Büros (etwa als bevorzugte Partner-Agentur bei bestimmten Hotelgruppen) nutzt. Im Gegenzug teilt man sich die Provision nach einem vorab festgelegten Schlüssel, ein festes Gehalt fließt in der Regel nicht. Klingt soweit gut und nachvollziehbar – aber warum machen das noch so wenige Agenturen im DACH-Raum, wo doch bekanntermaßen Personalkosten meist der fetteste Posten in einem Unternehmen sind? LuxusInsider hat sich auf Spurensuche begeben.

"Im US-Markt werden rund 90 Prozent aller im Reisebüro gebuchten Reisen von ICs verkauft", weiß Silvio Rebmann, Geschäftsführer von Cube Travel und Global Member Advisory Board bei Virtuoso. "Klassische Reisebüros mit Ladenlokal sind dort die Ausnahme." Das Konzept funktioniert aber dort wie hier: Der IC erkauft sich den Zugang zu den Anbieter-Verträgen, der Technik und der Expertise der Host Agency. Ein wichtiger Punkt ist auch das Netzwerk: Eine gute Host Agency kennt "Gott und die Welt" und kann oft schneller und wirkungsvoller agieren als ein Einzelkämpfer – und Forderungen durch ihren höheren Umsatz natürlich auch mehr Wumms verleihen. "Die Host-Agentur wird durchaus auch als Eskalationsstufe genutzt", so Rebmann.

Das kann auch Christoph Lausberg bestätigen, einer von aktuell 16 aktiven ICs bei Cube Travel. Seit sechs Jahren ist er in Vollzeit als IC tätig, seit drei Jahren besteht der Vertrag mit Cube Travel. "Durch die Zusammenarbeit habe ich Zugang zu hochwertigen Hotels und deren Partner-Programmen. Aber vor allem profitiere ich von Silvio Rebmanns Expertise und seiner herausragenden Vernetzung: Er ist für mich ein enormer Hebel und Problemlöser – beim Einfordern ausstehender Provisionen ebenso wie bei akut auftretenden Problemen mit Gästen, die schnell geregelt werden müssen." Ursprünglich hatte Lausberg nur jemanden im DACH-Markt gesucht, der ihm Zugang zu Virtuoso bietet. "Dann habe ich in den ersten Gesprächen sofort gemerkt, wie gut vernetzt Cube Travel ist. Dadurch ist schnell eine richtig gute Partnerschaft entstanden." Als Pluspunkt betrachtet Lausberg es auch, dass seine Host Agency ihm den gesamten "Overhead" abnimmt: "Buchhaltung, Backoffice, Abwicklung – alles läuft über Cube Travel. Das macht mir das Leben schon deutlich einfacher."

Noch hat der DACH-Markt die Power von ICs nicht umfassend entfesselt. Dabei bietet dieses Konzept diverse Vorteile (Symbolbild).

Foto: lordn/stock.adobe.com

Auch bei Cube Travel weiß man die Zusammenarbeit mit ICs durchaus zu schätzen: "Ein wichtiger Vorteil ist natürlich, dass man mehr Produktion aufbauen kann, ohne dafür zusätzliches Personal einzustellen", so Rebmann. Ein IC bringe zudem seine eigenen Kunden mit, sodass die Host Agency von einer höheren Marktdurchdringung profitiert. "Außerdem empfinden wir die Ideen unserer ICs als bereichernd: Sie denken unternehmerisch und gehen oft spannende Wege in den Bereichen Marketing, Kundenakquise und beim Besetzen von Marktnischen."

Ähnlich betrachtet auch Roman Melzer von Roman Traveldesign die Vorteile als Host Agency: "Für die Agentur ist es in erster Linie eine Umsatzsteigerung, denn wir gehen davon aus, dass ein guter IC im Luxussegment 1,5 bis 2 Millionen Umsatz im Jahr macht. Da ein IC selbstständig ist, ist deren Motivation natürlich hoch." Das erleichtere es der Host Agency, die Umsatzvorgaben der einzelnen Hotel-Partner zu erfüllen. Wichtig sei dabei, so Melzer, ein Provisionssplitting, das für beide Seiten fair ist.

Als "fair" und "motivierend" empfindet auch Ina Muigg rückblickend ihre Zeit als IC: Nach 36 Jahren Festanstellung im Reisebüro wagte sie für die letzten vier aktiven Berufsjahre den Schritt in die Selbstständigkeit. "Ich habe vor allem die geografische Unabhängigkeit genossen und die Möglichkeit, mir Zeit und Arbeitspensum frei einzuteilen", so die ehemalige Reiseberaterin. "Ich war mein eigener Chef und konnte selbst entscheiden, an welchen Fam Trips ich teilnehme und wann ich Urlaub mache – das war schon eine wahnsinnige Freiheit und für mich die schönste Zeit." Allerdings, so Muigg, hatte sie sich zu dem Zeitpunkt schon sehr viel Expertise aneignen und ein Netzwerk aufbauen können. "Wenn man Neueinsteiger ist, ist das sicherlich eine ganz andere Herausforderung." Ihr persönliches Fazit: "Ich hätte noch früher anfangen sollen, als IC zu arbeiten!"

Doch natürlich hat auch diese Medaille zwei Seiten. "Zum einen bekommt man natürlich nur einen Teil der Provision", bringt IC Christoph Lausberg die Nachteile auf den Punkt. "Und auch operativ läuft es ab und zu quer – etwa wenn sich Hotels bei Rückfragen oder Problemen nicht meine hinterlegten Kontaktdaten ziehen, sondern einfach den Kontakt der angegebenen IATA-Agentur, was natürlich die Host Agency ist. Und wenn so etwas am Sonntagabend für eine Anreise am Montag passiert, ist so ein Delay schon ärgerlich. Das passiert immer mal wieder, ist in der Summe aber überschaubar."

Zu den Nachteilen für die Host Agency gehört zum Beispiel das Thema Branding: "Die Kunden des ICs erfahren in der Regel nicht, wo sie buchen – unsere Marke tritt also in den Hintergrund", erläutert Silvio Rebman von Cube Travel. "Das ist natürlich auch absolut okay so, wir sind an dieser Stelle lediglich der Dienstleister für den IC." Auch dürfte so manch ein Agentur-Chef innerlich ein Tränchen verdrücken, wenn er hohe Umsätze reinkommen sieht, von denen im eigenen Büro leider nur ein Bruchteil hängen bleibt. Und so ganz ohne Aufwand im eigenen (festangestellten) Team geht's auch nicht: "Man braucht ja auch einen Mitarbeiter, der das alles abrechnet – diese Kapazitäten müssen auf jeden Fall eingeplant werden", so Agentur-Inhaber Roman Melzer.

Beide Reisebüro-Chefs sind sich einig: Wenn der IC gute Umsätze bringt, lohnt sich das Konzept wirtschaftlich auf jeden Fall. Aktiv ICs akquirieren, tut aber keiner von beiden – bislang sind die ICs immer auf die Agentur zugegangen.

Ob sich das mit dem europäischen Markteintritt von Fora ändert? Die New Yorker Agentur hat einen raketenhaften Aufstieg hinter sich: Erst 2021 gegründet, wurde sie schon im Juli 2026 als Unicorn bewertet, also als ein nicht börsennotiertes Start-up, das mit mindestens einer Milliarde US-Dollar bewertet wird – das haben nur sehr wenige Unternehmen in der Reisebranche geschafft. Der wichtigste – und umstrittenste – Hebel sind ausgerechnet die ICs. Die Zahlen variieren, sind aber auf jeden Fall gigantisch: Fora soll zwischen 15.000 und 30.000 ICs unter seinem Dach haben. Böse Zungen behaupten, die meisten davon seien "Hausfrauen" – die mitnichten vorhaben, jemals im Reiseverkauf zu arbeiten, aber gern die zusätzlichen Benefits wie kostenloses Frühstück, Upgrades etc. für ihren eigenen Jahresurlaub abgreifen. Autsch. Diese Gerüchte waren es wohl, was Virtuoso dazu bewogen hat, den (rechnerischen) Mindestumsatz pro IC kürzlich auf 200.000 US-Dollar zu erhöhen. Auch die Anzahl an Fora-Agents, die Zugriff auf die Virtuoso-Benefits haben, wurde dem Flurfunk zufolge eingeschränkt.

Fest steht: Der Ansatz von Fora ist innovativ. Das Unternehmen setzt auf eine KI-gestützte Buchungs- und Beratungsplattform, kombiniert mit menschlicher Reiseexpertise. Im Mittelpunkt stehen individuelle Reiseplanung, hochwertige Hotels und exklusive Kundenvorteile – ohne den nervigen Routine-Kram, mit dem sich noch viele traditionelle Agenturen herumschlagen. Seit Anfang Oktober akquiriert das Unternehmen nun in Großbritannien aktiv ICs – und könnte mit seinem Konzept und der ans US-Niveau angepassten Entlohnung durchaus gute Leute abwerben. Bis sich auch der DACH-Markt diesem Giganten gegenüber sieht, dürfte es zwar noch ein bisschen dauern. Ausgeschlossen ist das aber nicht.

* * * * *