Branchenblick
Reisebüro Lückertz feiert 100-jähriges Bestehen
Dass die Branche feiern kann, ist ein offenes Geheimnis. Aber dieser Anlass hat Seltenheitswert: Mitte August beging das Reisebüro Lückertz in Münster sein 100. Jubiläum – Wahnsinn! 260 Gäste freuten sich mit dem Team. Aber wie ist dieser Methusalem der Agenturen überhaupt entstanden? Und wo will er noch hin? LuxusInsider wirft mit Matthias Lückertz sen. und Matthias Lückertz jr. einen Blick auf die spannende Unternehmensgeschichte – und die Pläne für die Zukunft.
von Iris M. Köpke

Reisen wir doch mal kurz zurück in das Jahr 1926. Da begab es sich, dass ein Journalist in Münster dem Verlagswesen den Rücken kehrte und ein Reisebüro mit vier Mitarbeitern gründete – zu Zeiten, in denen die Touristik hierzulande eigentlich noch nicht mal in den Kinderschuhen steckte. Der Name des Visionärs: Matthias Lückertz. Das ganz große Ding waren damals natürlich Kreuzfahrten. "Deshalb stand in großen goldenen Buchstaben 'Hamburg-Amerika-Linie' und 'Reisebüro Matthias Lückertz' an dem Gebäude, das sich direkt neben dem Rathaus befand", erzählt der Enkel, Matthias Lückertz senior. Sogar Erinnerungsstücke aus dieser Zeit sind ihm geblieben: "Bei der Vorbereitung zur 100-Jahr-Feier sind wir unter anderem auf eine richtig edle Speisekarte einer England-Kreuzfahrt von 1938 gestoßen." Weitere wichtige Standbeine waren in diesen ersten Jahren Auswanderer-Reisen und Bahnreisen.
Dann kam der Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs und das Gebäude war Geschichte. Das Reisebüro aber startete gerade erst durch: Der Gründer kehrte 1949 zurück nach Münster und eröffnete in der Salzstraße 35, gegenüber des heutigen Standorts, sein neues Reisebüro. Und hier bewies Matthias Lückertz, dass Touristik schon immer aus Mut gemacht wurde: Im "Heiligen Jahr" 1950 organisierte er elf Pilger-Sonderzüge nach Rom – mit mehr als 10.000 Teilnehmenden.
1963 übernahm dann sein Vater Paul Lückertz das Unternehmen als persönlich haftender Gesellschafter. Mit "viel Leidenschaft" habe er das Geschäft weiterentwickelt. Gut zehn Jahre später wurde er Gründungsmitglied der F.I.R.S.T. (Führend in Reiseservice und Touristik) Reisebüro Kooperation. Diese Begeisterung gab er an seine Söhne weiter: 1976 tritt Christoph Lückertz ins Unternehmen ein, Matthias Lückertz senior stößt acht Jahre später dazu.

Geballte Münsterland-Power: Ralf Trilsbeek, Matthias Lückertz sen., Laura Brokamp, Christoph Lückertz & Matthias Lückertz jun. (von links)
Es folgen: Der Ausbau des Corporate- und MICE-Geschäfts, ein kuratiertes Portfolio an Kunstreisen, weitere Standorte, die vollständige Staffelübergabe an die nächste Generation und der Wechsel von FIRST zu LCC. Dann der ganz große Knall: In der Corona-Pandemie kämpft auch das Reisebüro Lückertz mit einer Stornierungswelle, Rückholaktionen, Kündigungen durch Mitarbeiter und globalem Stillstand. Nur gut, dass man schon zuvor die Fühler zu den lokalen Mitbewerbern ausgestreckt hatte: Nun war es endgültig an der Zeit, gemeinsam an einem Strang zu ziehen.
2022 schließen sich die Familienunternehmen Reisebüro Lückertz, Reisebüro Schlagheck und Reisebüro ReiseArt zur neuen Reiseart GmbH & Co.KG zusammen. Damit werden sagenhafte 185 Jahre Branchenerfahrung und mehr als 80 Mitarbeitende an sieben Standorten im Münsterland gebündelt. "Es hat uns immer Spaß gemacht, uns einzubringen – auch das ist eine Familientradition", gesteht Matthias Lückertz senior schmunzelnd. So war sein Vater Paul Lückertz etwa Verwaltungsrat der LTU, er selbst saß sechs Jahre lang im Aufsichtsrat bei FIRST. "Mein Großvater, mein Vater und ich haben uns auch ehrenamtlich engagiert. Mein Opa hat das Bundesverdienstkreuz gekriegt, mein Vater den päpstlichen Silvesterorden – die höchste Auszeichnung, die eine Laie vom Vatikan bekommen kann. Ich selbst habe letzten Herbst das Bundesverdienstkreuz bekommen. Das zeigt, dass wir uns einmischen und die Dinge nicht nur passieren lassen."
Auch heutzutage fällt der Apfel ganz offensichtlich nicht allzu weit vom Stamm: 2023 wird die Geschäftsführung an seinen Sohn, Matthias Lückertz junior übergeben, der das Unternehmen nun in vierter Generation leitet. "Matthias übernimmt die Tradition und fängt jetzt auch an, sich einzumischen – etwa beim Touristikbeirat in Frankfurt", so der Senior, der dem Unternehmen ebenso wie Bruder Christoph als Gesellschafter verbunden bleibt. Durch den Zusammenschluss der drei Reisebüros steht sein Sohn nicht alleine da: Auch Ralf Trilsbeek und Laura Brokamp sind Teil der Geschäftsführung.
Und die ist nicht untätig: Anfang 2026 wird das Weser Reisebüro aus Bremen übernommen, aktuell freut man sich über 150 Mitarbeiter und einen voraussichtlichen Jahresumsatz von 100 Millionen Euro. "Es macht großen Spaß zu sehen, wie viele Kollegen inzwischen diesen Weg mit uns gehen. Wir haben uns in den letzten Jahren extrem verändert und haben versucht, jeden Prozess anzufassen und mit der Zeit zu gehen", sagt Matthias Lückertz junior. "Unter anderem haben wir Jobs wie den des Mid-Office-Managers geschaffen, der den wichtigen Dialog mit Veranstaltern und Partnern übernimmt – etwa für Mütter, die gerne wieder in den Beruf zurückkommen möchten, aber keine Vollzeitstelle am Counter zu regulären Öffnungszeiten leisten können."
Snapshots der 100-Jahr-Feier

Auf dem Programm standen auch zwei unterhaltsame Podiumsbeiträge: "Herkunft & Tradition" und "Gegenwart & Zukunft".

Ein prickelndes Geschenk gab's von Airtours, überreicht von Director Steffen Boehnke: eine Schampus-Flasche mit persönlicher Gravur.

Die 100-Jahr-Jubiläumsfeier fand in den Räumlichkeiten des LWL-Museums für Kunst und Kultur in Münster statt.

Spannend aufbereitet: Auf großen Schautafeln wurde die Geschichte der Reisebranche der Firmengeschichte gegenübergestellt.

Und das kam bei den Gästen richtig gut an! Diese nahmen den liebevoll zusammengestellten Zeitstrahl ausgiebig unter die Lupe.

Persönliche Einblicke in ihre Karriere und in die Unternehmensgeschichte gaben Christoph und Matthias Lückertz senior.

Rund 260 Gäste feierten an diesem besonderen Abend mit, darunter auch 70 Mitarbeiter der Reiseart GmbH & Co.KG.

Und auch ein weiteres Geburtstagskind war dabei: die Lufthansa, die dieses Jahr ebenfalls ihr 100-jähriges Bestehen feiert.
Und das war nur der Anfang: "Aktuell arbeiten wir mit Nachdruck an unserer Vision 2031", so Lückertz junior. "Bis Ende des Jahres entwickeln wir, wo wir 2031 sein möchten. Und wir wollen uns gut vier Jahre für diese Transformation Zeit nehmen. Wir glauben, dass der stationäre Reisevertrieb weiter bestehen kann, vor allem über den Service. Unser Team arbeitet mit Hochdruck daran, dass jeder Kunde, der zu uns kommt oder uns – egal auf welchem Weg – kontaktiert, ganz schnell versteht, dass man uns vertrauen kann."
Er führt weiter aus: "Es geht um echte Expertise und um das schnelle Liefern von Antworten. KI und Technologie generell sehen wir als Riesenchance, weil wir glauben, dass der Reise-Experte ein Navigator im immer komplexer werdenen Reisedschungel sein kann." Dafür hat das Unternehmen einen Fachbeirat KI ins Leben gerufen, in dem sich Kollegen aus den verschiedenen Bereichen austauschen. Ein externer KI-Berater unterstützt zusätzlich. "Damit können wir auch langfristig einen echten Mehrwert für den Kunden bieten", ist Lückertz junior überzeugt. Das seien vor allem Kunden, die wertig oder sehr individuell buchen oder einfach guten Service schätzen und Zeit sparen möchten. "Wir arbeiten daher mit Hochdruck an einer komplett digitalen Customer Journey."
Ein spannendes Ziel – aber ganz sicher kein einfaches. "Wir machen uns keinen Druck, spüren ihn aber. Unternehmertum muss eben mutig sein. Wir wollen die Branche mitgestalten, vorangehen und Lösungen entwickeln, die nicht jeder hat. Und wir haben das Glück, dass wir mit unserer Struktur, einer eigenen IT-Abteilung und einem eigenen Marketing die Chance haben, wirklich aktiv mitgestalten zu können."
Die speziellen Anforderungen des Luxussegments werden dabei nicht vergessen: "Wertiges Reisen hat schon immer eine große Rolle bei uns gespielt", so Geschäftsführer Lückertz. "Wir haben stets viel investiert, um unsere Kollegen mit schönen Destinationen und spannenden Hotelmarken vertraut zu machen." Man werde dies aktiv durch Dialog und Schulungen in den kommenden Jahren stärker fokussieren und ausbauen, da man im Luxusbereich und im Segment der höchst individuellen Reisen die Zukunft des Unternehmens sähe.
Apropos Zukunft: Die Geschichte scheint sich ein bisschen zu wiederholen, denn auch in diesen Zeiten braucht es sicherlich Mut, seine berufliche Perspektive in der Touristik zu sehen. Oder? "Wir sind uns sicher, dass auch die zukünftigen Generationen im Reisebüro buchen werden. Meine Geschäftsführer-Kollegin Laura Brokamp und ich haben uns gründlich überlegt, wie es jetzt weitergehen sollte und ob wir wir beide uns das zutrauen. Und wir sind sehr schnell zu dem Punkt gekommen, an dem wir gesagt haben: Ja, wir wollen das und wir schaffen das", sagt Lückertz junior ohne zu Zögern. Und fügt hinzu: "Wir sprechen jetzt immer etwas liebevoll über die 'nächsten 100 Jahre', denn wir sind überzeugt davon, dass wir über die richtigen Touchpoints den Kunden mit der richtigen Message zum richtigen Zeitpunkt erreichen können."
Man müsse weg vom Preis und weg vom Werben mit einer Reise hin zum Werben mit der Serviceaffinität und der Leidenschaft der Reiseberater. "Wenn wir deren Expertise noch deutlicher herausstellen und auch die Benefits der Kunden im Leisure- sowie im Geschäftsreisebereich aufzeigen, können wir auch künftig Kunden für eine Beratung im Reisebüro begeistern und über unsere Qualität Vertrauen aufbauen. So können wir in diesem Geschäft langfristig nicht nur bestehen, sondern auch wachsen."
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